Dancehall in der Cultural-Appropriation-Falle?

Was bringt es, wenn Dancehall zwar derzeit als geheime Zutat in zig Chart-Erfolgen steckt, das dem Publikum aber gar nicht bewusst ist? Das fragt, knapp zusammengefasst, gerade Flo drüben im House of Reggae. Berechtigte, gute Frage. Deshalb will ich meine zwo Cent zum Thema ebenfalls loswerden.

Den Flirt des Mainstreams mit der jamaikanischen Musik und Kultur haben wir seit es Whagwaan gibt immer wieder mal thematisiert. Am ausführlichsten habe ich vor ziemlich genau einem Jahr darüber geschrieben. Jamaice Rise Again? Oder: Was Rihanna und die Reggae-Zukunft miteinander zu tun haben titelte ich. Schon damals war zu beobachten, dass sich ‚da draußen‘ was tat. Ich glaube, der Artikel ist immer noch relevant, wenn es um das Thema geht. Doch Flo’s Beitrag entblößt einen Aspekt, den ich damals nicht bedacht habe.

 

Dancehall und die kulturelle Aneignung

Was nämlich, wenn sich der Mainstream zwar der Reggae- bzw. Dancehall-Kultur bemächtigt, ihr aber nichts zurückgibt? Was, wenn Dancehall also aktuell zum Musterbeispiel für Cultural Appropriation wird? Dann könnte sich natürlich herausstellen, dass ich damals zu optimistisch war, als ich schrieb:

Ich glaube, Reggae & Dancehall stehen rosige Zeiten ins Haus. Die musikalische Entwicklung der letzten zwei, drei Jahre ist höchst erfreulich für Freunde jamaikanischer Musik

In der Tat merkt Flo einige Punkte an, die zu Denken geben. Er schreibt:

Um neue, junge Leute für unsere Dances zu begeistern, kann die Entwicklung nur gut sein. Doch wie eingangs angemerkt: Mir fehlt bei vielen die Erkenntnis, was sie da genau hören. Denn ohne Bewusstsein für die Musikrichtung, werden die Leute auch nicht auf eine Party gehen, wo Dancehall auf dem Flyer steht – „dann doch lieber zur Black-Music Party“,

und fragt: „wo sind nun die jamaikanischen Original-Dancehall-Artists in den Charts?“

Gleich vorweg: Es ist natürlich schwierig zu überprüfen, ob die Punkte so absolut zutreffen. Für jeden Mavado, der nicht in die Charts kommt, gibt es einen Charly Black. Und für jeden Tropical-House-Hörer, der keine Ahnung hat dass sein Sound auf Dancehall basiert, verirrt sich vielleicht ein anderer auf den Wikipedia-Artikel zum Genre, wo er diese Info gleich im ersten Satz findet.

Doch genaue Prozentzahlen sind gar nicht zentral. Denn außer Frage steht, dass es die von Flo beschriebenen Fälle gibt. Wenn wir außerdem übereinkommen, dass es für Szene und Musik wünschenswert wäre, von den aktuellen Entwicklungen zu profitieren, dann müssen wir fragen:

 

Wie kann Dancehall vom Boom profitieren?

selekta 2

Die Hits müssen auf die Dances

Wenn es Hits gibt, die im Kern Dancehall sind, dann sollten sie auf Dances laufen. Sicher, nicht jeder Purist hört das gerne 1. Zum Glück darf natürlich jede/r Selekta/ress tun und lassen, was er oder sie will. Aber eines ist klar: Wenn es da draußen Menschen gibt, die den Radio-Dancehall feiern, dann sollten sie nicht auf die Black-Music-Party gehen müssen, um die ihnen bekannten Songs zu hören. Ist es nicht besser, wenn sie stattdessen auf einen „richtigen“ Dance gehen können, wo das Soundsystem zwar die Work‘s und Cheap Thrill’s dieser Welt spielt – aber eben auch jede Menge „realen“ Dancehall & Reggae? Ich denke schon. Denn: Wo sonst sollen sie ihn kennenlernen?

Das soll natürlich nicht heißen, dass ich mir von jedem Sound künftig ein Tropical House Set wünsche. Auch Herrn Bieber kann man gerne aus der Dancehall fernhalten. Aber Nummern wie die oben genannten (und diverse andere) hier und da in die Selection einzubauen finde ich mehr als legitim. Es ist ein bisschen so, wie seinem Affen Zucker zu geben, wenn er im Tausch dafür die Karotte nicht verschmäht.

Da draußen ist derzeit scheinbar ein Publikum, das auf Dancehall stünde, so es ihm begegnen würde. Die Begegnung zu ermöglichen, ist die Aufgabe von Dancehall – den Willen dazu vorausgesetzt. Um auch noch die Seniorentrumpfkarte auszuspielen: Während des letzten großen Hypes Anfang/Mitte der Zweitausender liefen z.B. all die US-Rap-Dancehall-Features auf den Dances. Und selbst ein Hey Baby von No Doubt ls. Bounty war auf dem ein oder anderen Dance zu hören. Natürlich sind nicht alle Besucher von damals der Szene treu geblieben, aber eben doch einige.

Die Dances dürfen mit dem Mainstream flirten

Sich musikalisch zu öffnen ist das eine. Das andere ist, ein frisches Publikum in die Tanzhallen des Landes zu bekommen. Leichter gesagt als getan, klar. Ein paar Dinge jedoch kann das geneigte Soundsystem durchaus unternehmen. Hier ein paar fix notierte Gedanken. Ergänzungen und Beispiele gerne in den Kommentaren.

  1. Wenn sich die Gunst der Stunde bietet, muss man sie nutzen. Der Mainstream steht auf Dancehall? Super! Dann kommen die Dances vielleicht wieder in die coolen Clubs. Ich behaupte: So gut war die Chance lange nicht mehr, in einem zumindest semi-angesagten Club einen Dance zu platzieren.
  2. Ich würde natürlich niemals zu Copyright-Verletzungen aufrufen, aber sollte sich eine Riri auf den ein oder anderen (virtuellen) Flyer verirren – vielleicht ja neben Mavado – dann wäre das sicher nicht abträglich (und bevor irgendwelche Sellout-Stimmen laut werden: Die Dame ist straight Caribbean!). Nur ein Beispiel für einen größeren Punkt: Man darf seinen Dance gerne cool promoten und dabei mit dem Zeitgeist flirten.
  3. Die beste Party-Promotion ist auch 2017 Mundpropaganda. Wisst ihr, was mich vor ± 15 Jahren so richtig angefixt hat an Dancehall? Dances waren mit Abstand die besten Parties. Wo sonst hatte man alles an einem Ort: Brennende Deodosen, die Gyals mit den derbsten Moves, Helicopter, Horns, Trillers usw.? Genau, nirgends. Also: Macht die Dances zu einmaligen Erlebnissen. Dann kommen die Leute wieder, bringen Freunde mit und sind zu allem Überfluss auch noch glücklicher.

Stepping up the internet game

Last but not least noch ein essentieller Punkt in meinen Augen: Wir können im Internet noch viel, viel besser werden. In DE sowieso, aber auch international. Wenn HipHop die Referenzgröße für eine medial gut und autark aufgestellte Szene ist, dann haben wir noch einiges zu tun 2. Die Bedeutung dessen kann man gar nicht überschätzen. Immerhin ist das Internet für den Musikhörer 2017 der Ort für alles vom Digging übers Weitersagen bis zum Kauf (falls zutreffend). Wo sucht jemand die Pop-Nummer, die im Radio so gut gefallen hat? Internet. Wo informiert sich jemand über Tropical House? Internet. Wo entdeckt man neue Artists, die einen ähnlich dicken Sound machen, wie der eine Song, den man so gut fand? Internet. Das Prinzip sollte klar sein.

Ganz generell könnte ich eine längere To-do-Liste fürs Dancehall-Internet schreiben. Aber um beim aktuellen Thema zu bleiben, sehe ich vor allem eines als wichtig an: Dancehall-Seiten sollten über die Hits berichten. Wenn Ed Sheeran einen Dancehall-inspirierten Hit macht, wie ihn Flo in seinem Artikel nennt, dann sollte er auf unseren Seiten stattfinden. Natürlich mit dem Kontext, den man im medialen Mainstream vermisst – nämlich dass es sich eben um eine Dancehall-Nummer handelt.

Wer die Hits sucht, sollte Dancehall finden.

Warum Jamaican Artists außer Landes nicht charten?

Weil die Frage auch Teil von Flos Beitrag war, noch meine Einschätzung dazu. Wie gesagt alles mit der Ergänzung zu verstehen, dass es ab und an natürlich doch Charterfolge gibt, gerade auch im Feature-Game.

Schlechte Strukturen/Marketing: Habe ich hier und hier mehr zu gesagt. Die Strukturen sind weit hinter dem, was in anderen Genres üblich ist. Das geht los bei Videos die erst ein Jahr nach dem Song releast werden. Der Zugang zu Artists ist schwerer. Die Kommunikation mit Managements oft immer noch alles andere als professionell. Einige der jungen Artists sind hier inzwischen besser aufgestellt, aber in Summe herrscht Nachholbedarf.

Produktionsqualität: Viele aktuelle Dancehall-Nummern aus Jamaica sind keine guten Produktionen. Das mag ein streitbares Statement sein und vielleicht höre ich mich auf Soundcloud durch zu viel Schrott, aber das ist mein Eindruck. Um sich allerdings in den USA, UK oder hierzulande als Artist zu etablieren, braucht man konstant hochwertigen Output. Weniger ist mehr.

Die Releaseformen: Über das Thema denke ich schon länger nach und schreibe bald sicher mal mehr dazu. Die Kurzform: Dancehall wird, wie Club-Musik, tuneweise rausgebracht. Die Alben sind eher Compilations des Schaffens eines Artists. Radio & Co. sind aus den meisten Genres anderes gewohnt. Nicht dass ich das ändern wollen würde – dafür ist es eine viel zu charmante Genre-eigenart 3 – doch was Charterfolge anbelangt ist es unter Umständen hinderlich, wenngleich kein Ausschlusskriterium.

Und nun?

Ich bin in Summe weiter optimistisch, was die steigende Relevanz unseres Genres anbelangt. Aber es gibt Hausaufgaben zu erledigen – zumindest wenn wir daran interessiert sein sollten, von der aktuellen Mainstream-Renaissance zu profitieren. Ich glaube wir täten gut daran. Denn wir werden nicht aufhalten, dass es eine Menge Menschen in anderen Genres gibt, die sich an Dancehall bedienen. Wir leben in der Zeit aufbrechender Grenzen 4 und endloser Mashups. Kein Wunder, dass da vor so dickem Sound wie Dancehall und Reggae kein Halt gemacht wird.

Entweder laden wir die Neugierigen ein und klären sie über die Roots auf, oder die Ursprünge geraten in Vergessenheit. Das Rad der Musik dreht sich weiter, so oder so.

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Photo Credits: „Sorry“ video still; Selekta DooG by Guillaume

 

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